Samstag, 14. Februar 2009

Das große Poker-Spiel um eine Police



Charles (Chris) Christopher gilt als der Erfinder der Restwertversicherung, die von Lloyds of London 1974 aufgelegt wurde und die von keinem anderen Unternehmen so „rigoros“ ausgebeutet wurde wie von Itel. 1975 stolperte der ehemalige Lexikonverkäufer Christopher über einen albernen Lauschangriff bei einem Konkurrenten. Seitdem IBM die Leasinggesellschaften endgültig zu ihren Konkurrenten erklärt hat, braucht die Branche dringend wieder einen Erfinder wie jenen Christopher, wenn sie sich nicht im Kleinkrieg der Usancen zwischen Hersteller- und Third-Party-Leasing aufreiben will. Doch die Aussichten sind schlecht.
(Vorspann aus Raimund Vollmer: „The High Technociety“, Reutlingen 1985)

1. Der Lauschangriff
Dienstag, 15. März 1975, 10.15 Uhr.

Die Klimaanlage arbeitete auf Hochtouren. Unentwegt pumpte sie frische Luft in den verqualmten Konferenzsaal der Chemical Bank In New York. Plötzlich bemerkte einer der Banker ein kleines Etwas, das auf dem Teppichboden lag. Es war offensichtlich unter der Tischplatte abngebracht gewesen. Instinktiv hob der Banker das schwarze Ding auf, betrachtete ihn gedankenvoll und deponierte ihn in einen der übervollen Aschenbecher.
Das kleine schwarze Ding war eine Wanze, die ein New Yorker Abhörspezialist im Auftrag eines Detektivbüros aus Florida unter den Tisch geklebt hatte. Hinter dem Lauschangriff steckte jedoch in Wirklichkeit ein junger Mann namens Charles (Chris) Christopher., 29. Er war es, der das Detektivbüro gegen die Chemical Bank angesetzt hatte. Er wollte die Banker und deren Gäste bei einer Besprechung zum Thema „Restwertversicherung bei Computerleasing“ belauschen.
Und er hatte allen Grund, als gleichsam „stiller Teilhaber“ bei dieser Sitzung dabei zu sein. Es war nämlich seine Idee, die da angeblich im Hauptquartier der Chemical Bank verschachert werden sollte.
Doch fangen wir dort an, wo alles begann.
2. Tax leverage – der erste Hebel wird angesetzt
In den frühen sechziger Jahren hatte Chris Christopher sein ungemein ausgeprägtes verkäuferisches Talent bei dem erfolgreichen Vertrieb von Lexika entdeckt. Doch das Geschäft mit dem Wissen der Welt genügte ihm nicht. Er strebte nach anderen Papieren. Er verkaufte als Agent der Versicherungsgesellschaft W. Clement Stone’s Combined Insurance Co. of America Policen aller Art. Und dabei entdeckte er 1969 das Leasing. Nachdem er sich zwei Jahre lang in diesem Geschäft geübt hatte, gründete er 1971 in Dallas, Texas, unter dem Namen Surety Industries eine Leasinggesellschaft, die sich sehr bald auch mit der Finanzierung von Computern und Peripheriegeräten beschäftigte.[1]
Die Leasingbranche befand sich damals noch in den Anfängen. Ihr Markt war die IBM-Welt. IBM selbst setzte zu jener Zeit noch voll und ganz auf die Miete. Leasingfirmen als Wettbewerbsfaktor spielten damals für sie so gut wie keine Rolle, wurden in den internen Konkurrenzanalysen gar nicht richtig wahr und ernst genommen.
Indes hatten die Leasingfirmen für die gerade aufkommende /370-Serie ein überaus cleveres Verfahren entwickelt, mit dem sie auf lukrative Art und Weise aus dem Big Business mit den größten Computern partizipieren konnten, Die Methode war das so genannte Tax Leverage.
Was ist das? Eigentümer der Maschine ist nicht etwa die Leasingfirma oder die Bank, sondern unabhängige Investoren. Ihnen gehören sämtliche Ansprüche an die Maschine. Sie schissen als Eigenkapital etwa 20 bis 25 Prozent des für den Kauf einer Maschine notwendigen Kapitals ein, das übrige Geld stellt eine Bank als Darlehen zur Verfügung. Aus der Art und Weise, wie diese Schulden nun gehandelt werden, bekommen die Investoren in den USA Steuervorteile. So weit, so gut. Der Hebel war angesetzt.
Doch eine derartige Finanzierung einer Maschine macht nur dann Sinn, wenn es für den Rechner auch einen Anwender gibt, der das Geld für den Schuldendienst zahlt. Die Vermarktung der Maschine besorgt dabei die Leasinggesellschaft, die sich ihre Dienste in Form von Prämien honorieren lässt. Zumeist wird sie noch an den Restwerterlösen beteiligt, die man sich nach Ablauf der Leasingfrist erhofft.
Für den Anwender selbst ist die eine ungemein günstige Form der Finanzierung, Denn die Investoren selbst bekommen keine Zinsen aus dem Geschäft, nur die Steuervorteile und den Profit aus dem Restwert der Maschine nach Ablauf des Vertrages. Die einzigen Zinsen, die der Kunde bezahlen muss, sind die Aufwendungen für den Bankkredit (Zinsen und Tilgung) und der beläuft sich auf 75 bis 80 Prozent des Gesamtwerts der Maschine.
Nun war es aber so, dass das Steuermodell nur funktionierte, wenn die Laufzeiten des Leasingvertrages mindestens sieben Jahre betrugen. Und diese langen Zeiträume schreckten die Anwender ab, Leasing allzu sehr in Anspruch zu nehmen. Sie befürchteten, dass IBM durch Ankündigung von neuen Rechnern das gesamte Finanzierungskonzept zunichte machen könnte. Länger als vier Jahre wollte sich keiner gerne verpflichten.
Aber auch die Banken hatten Sorge. Sie fürchteten ebenfalls IBM-Announcements, die – wie die Vergangenheit zeigte – bereits bei einbem technologisch sanften Wechsel wie dem von der /360-Rechnerfamilie zu der der /370 ein Blutbad unter den Leasinggesellschaften angerichtet hatte. Die Banken wollten ihr Geld nur noch für relativ kurze Zeiten verleihen. So verlangten sie zumeist eine vollständige Rückzahlung der Summe in vier Jahren. Doch bei diesem engen Zeitraum konnten die Leasinggesellschaften kaum Raten anbieten, die attraktiver waren als die der Hersteller-Miete.
Angesichts der stagnierenden Situation im Finanzierungsgeschäft war es kein Wunder, dass die Leasingfirmen zu den gewagtesten Modellen griffen, um überhaupt im Business zu bleiben. Es war eine halsabschneiderische Branche, in der jeder gegen jeden mit allen Mitteln und Tricks kämpfte.
IBM selbst brauchte sich keine großen Gedanken über die Leasing-Konkurrenz zu machen. Diese schien sich selsbt untereinander zu vernichten. Der Marktführer, der als einziger wirklich den Trend im Computermarketing bestimmen konnte, kalkulierte zu jener Zeit selbst mit Mieteinnahmen, hinter den Laufzeiten von sieben und mehr Jahren standen. In dem 1973 publizierten geheimen „Graubuch der IBM“ über die Ankündigung der /370-135, das ein US-Richter der Öffentlichkeit verfügbar gemacht hatte, wird deutlich, dass der blaue Rise die Lewbensdauer dieser Maschine auf elf Jahre kalkulierte – eine Rechnung, die übrigens nicht ganz aufging. Denn im achten Jahr nach Erstinstallation der /370-135 kam 1979 die 4300, die mit sämtlichen IBM-Traditionen brach.
Nun genügte den Leasinggesellschaften das magere Geschäft mit dem Tax Leverage nicht. Sie wollten mehr, viel mehr. Nicht nur Geld, sondern auch Marktanteile. Zu beide, sollte ihnen der Nobody Charles (Chris) Christopher verhelfen, dessen genialer Trick die berühmteste Versicherungsgesellschaft der Welt in die Nähe des Abgrunds führte.
3. Wie man sich eine Milliarde Dollar leiht
1971 hatte Mr. Christopher die Surety Industries Inc. in Dallas gegründet, die anfangs mit völlig konventionellen Methoden das Leasinggeschäft vorwiegend bei Behörden betrieb. Zu jener Zeit hatte der Twen sein persönliches Jahreseinkommen von 75.000 auf 300.000 Dollar verbessert. Es ging ihm gut. Warum sollte er nicht auch noch Millionär werden?
Das Kundenpotential des Jahres 1973 war enorm. Die Discounts aus dem Tax Leverage wollte jeder Anwender liebend gerne mitnehmen, nur die verflixt langen Laufzeiten der Verträge ließen sie immer wieder abschrecken. Das war das einzige Hindernis.
Was tun? Der verhinderte Millionär Christopher sann auf Abhilfe. Und plötzlich hatte er eine geniale Idee, die ihn nach Meinung des amerikanischen Journalisten Hest Wiener zu einem der „kreativsten Denker“ in der Geschichte der Leasingbranche machte: die Restwertversicherung. Seiner Idee zufolge sollten sich die Kunden nach wie vor zu einem Sieben-Jahres-Vertrag verpflichten, doch nach Ablauf von 48 Monaten die Möglichkeit haben, aus dem Vertrag auszusteigen. Das Restwertrisiko sollte durch eine Versicherung gedeckt werden.
Das Konzept war ebenso genial wie simpel. Es war innovativ. Und für solche Versicherungsfälle kam weltweit nur eine Gesellschaft infrage: Lloyd’s of London.
Christopher jettete nach London, und jetzt kamen ihm seine Erfahrungen aus der Versicherungsbranche voll zugute. Denn Lloyd’s ist nicht irgendeine Gesellschaft, zu der man hingeht und sein Anliegen vorbringt. Dieser ehrwürdigen, nahezu dreihundert Jahre alten, nichtsdestotrotz ungemein vitalen und wagemutigen Gesellschaft muss man sich behutsam nähern. Man braucht Verbindungen, gute Verbindungen.
Christopher hatte diese nicht. Aber er nahm in London Kontakt auf zu jemandem, der geradezu exzellente Verbindungen hatte: der Versicherungsbroker Peter Nottage von Adams Brothers Contingency Ltd. Am St. Helen Place. Mr. Nottage hörte sich Christophers Idee an. Und da er ungewöhnliche Versicherungsfälle wie zum Beispiel das Versichern von Schauspielern und Sportwettkämpfen äußerst schätzte, war er bereit die Restwert-Insurance den Underwritern von Lloyd’s in der Lime Street vorzustellen.
„Lloyd’s ist nicht wirklich eine Versicherungsgesellschaft – es ist eine Vereinigung von Versicherern, die siuch zu Syndikaten zusammengetan haben“, beschreibt der Journalist Hesh Wiener das Versicherungskongomerat. „Die Risiken bei Lloyd’s werden letztlich getragen von Individuen, die unbegrenzt mit ihrem gesamten Vermögen haften.[2]
Die Eigentümer von Lloyd’s werden ehrfurchtsvoll „names“ genant. Sie werden in den einzelnen Syndikaten vertreten durch die „Underwriter“, die sich alltäglich in „The Hall“ versammeln, um mit den Brokern Versicherungsverträge auszuhandeln. In diesem weltberühmten, etwa hundert Meter langem Saal an der Lime Street hängt seit vielen Jahrzehnten die noch berühmtere Schiffsglocke der HMS „Lutine“, einem 1793 gekaperten französischen Frachtschiff, die am 10 Oktober 1799 mit einer Ladung von Gold und Silber untergegangen war. Bei dem Versuch, die von Lloyd’s versicherte Fracht 1859 zu bergen, konnte als einziges Überbleibsel die Glocke gerettet werden. Immer dann, wenn wichtige Versicherungsfälle glücklich ausgegangen sind, wird sie zweimal betätigt. Bei schlechten Nachrichten tönt sie nur einmal. Und die Lloyd’s Policy, also die Restwertversicherung, ist eine der traurigsten Geschichten, bei der die Glocke nur einmal schlug.
Doch noch war es nicht so weit, befinden wir uns im ersten Akt des Dramas.
Im Dezember 1973 war es dem Broker Peter Nottage endlich gelungen, die unkonventionelle Restwertversicherung einem der mit allen Wassern gewaschenen, scharf kalkulierenden „Underwriter“ zu verkaufen und bereits im Januar 1974 hatte unser Mr. Christopher die Police in der Tasche.
Noch handelte es dabei um eine Testversion. Noch war Lloyd’s nicht zum vollen Risiko bereit. Doch im Laufe der Jahre sollten Restwertrisiken im Wert von über eiener Milliarde Dollar von Lloyd’s versichert werden. 14.000 EDV-Geräte sollen mit Hilfe der Lloyd’s Policy vermarktet worden sein. Es waren nicht nur CPUs, als Computer, sondern wertmäßig zur knappen Hälfte auch Peripheriegeräte.
Diese gewaltige Summe erzeugte den wohl größten Verlust in der Geschichte der 1688 gegründeten Versicherungsgesellschaft. Mindestens 120 Millionen Dollar mussten die Underwriter draufzahlen. Meinte 1979 Murry Lawrence, einer der Senior Underwriter von Lloyd’s gegenüber der Herald Tribune: „Der Grund dafür, dass Lloyd’s in die Lage hinein geriet, liegt in ihrer Geschichte. Lloyd’s war immer bereit, Risiken zu übernehmen, die andere scheuten: Automobile, Flugzeuge, Comsat-Satelliten, die ersten Bohrinseln. Alle neuen Entwicklungen in der Versicherungsbranche beginnen bei Lloyd’s.“[3] Im Fall der Restwertversicherung begann eine „neue Entwicklung“ nicht nur bei Lloyd’s, sie endete auch dort. Doch kehren wir zum Anfang zurück.
4. Der Garantieschein aus London
Christophers erster Kunde, der 1974 in den Genuss der mit dem Buchstaben „J“ gekennzeichneten Test-Police kommen sollte, war das U.S. Post Office in St. Louis. Ein Geschäft in Höhe von 2,3 Millionen Dollar sollte finanziert werden. Der glückliche Geschäftsmann, der zu diesem Zeitpunkt als einziger Mensch auf der Welt eine Restwertversicherung seinen refinanzierenden Banken anbieten konnte, stapfte zur Chemical Bank, um den dank der Police schottendichten Vertrag finanzieren zu lassen.
Doch diese winkte ab. Wahrscheinlich verstanden die Banker anfangs gar nicht, um was es da ging. Christopher versuchte es bei der Bank of America in San Francisco. Und die schlug zu.
Die kalifornischen Banker hatten sofort den Kniff kapiert. Der Inhalt der Policy besagte, dass Lloyd’s einen Bankkredit in dem Fall ausgleichen würde, wenn einer der Kunden vorzeitig aus dem Sieben-Jahres-Vertrag aussteigen würde. Als Sicherheit behielt Lloyd’s das Recht, den Computer weiterzuverleasen.
Sofort schienen die Banker dem Chef der Surety weitere Kredite in Aussicht stellen zu wollen. So sollte ein Deal über 25 Millionen Dollar finanziert werden, bei dem es darum ging, IBM-Equipment der Storage Technology Corp. Aus Boulder (Colorado) zu kaufen.
Aber bereits am nächsten Tag war alles zunichte. Die Bank hatte es sich anders überlegt. Nach Meinung von Christopher stand die bankeigene Leasinggesellschaft Decimus hinter diesem Gesinnungswandel. Offensichtlich hatte Decimus die Banker gefragt, warum eine der größten Banken der Welt einen Nobody wie Christopher benötigte, um solche Geschäfte abzuwickeln.
Die mit der Lloyd’s Policy geschaffene neue Geschäftsgrundlage sprach sich jedenfalls in den USA sehr schnell um. „In der folgenden Woche waren die Repräsentanten von zehn Banken in London“, erinnert sich Christopher.
Sie alle besuchten Lloyd’s. Doch wenige waren nur auserwählt. Denn – wie gesagt – die Policy war vorerst lediglich auf einer Testbasis verfügbar. Nur wenige Leasinggesellschaften kamen in den Genuss.
Und die, die sie besaßen, wollten unter sich bleiben und eine Ausweitung der Policy auf jedermann verhindern. „Wir erklärten Lloyd’s, dass dadurch ein Chaos heraufbeschworen werden könnte“, rekapituliert William Evans Jr., Miteigentümer der Federal Leasing, die mit Hilfe der Lloyd’s Policy vor allem ihr Behördengeschäft ankurbelte. Aber auch Christophers Surety kam dick ins Geschäft. Bald flog der smarte Geschäftsmann in seinem eigenen Learjet zwischen London und den Hauptquartieren diverser Großfirmen in den USA hin und her, um die Verträge auszuhandeln und die Geräte zu versichern.
Neben der Surety und der Federal Leasing waren es Firmen Wie Alanthus, Chase Manhattan Leasing Corp., Citicorp Leasing, Comdisco, Commonwealth Leasing, Decimus Lease, Financiang Corp. und ein paar europäische Gesellschaften, die den Lloyd’s Segen bekamen. Doch die prominenteste Leasingfirma war die Itel Corp. Aaus San Francisco. Sie war der unumstrittene Branchenriese, der sich wie kein anderer mit dieser Police handfest Wettbewerbsvorteile verschaffte. Itel soll sich nach Meinung von Insidern innerhalb kürzester Zeit mit Hilfe der Policy 250 Millionen Dollar geliehen haben. „In der Tat – wir hatten so etwas wie ein Fianzgarantie. Die Leute von Lloyd’s mochten diesen Ausdruck überhaupt nicht, denn es widersprach nun mal ihren Grundsätzen, Garantien abzugeben. Aber wenn es keine finanzielle Garantie war, dann weiß ich nicht, was es sonst gewesen sein sollte“ resümiert der Leasingprofi Evans.
Und diesen Garantieschein wollten natürlich alle Wettbewerber haben. Einer der kolossal erbosten Konkurrenten, dem der Zutritt zu der Police verwehrt wurde, strengte sogar ein Verfahren gegen Lloyd’s an.
5. Der Hahn wird zugedreht
In den ersten Monarten des Jahres 1975 erreichte der Kampf um den Garantieschein aus London seinen Höhepunkt. Die, die ihn besaßen, kämpften mit allen Mitteln, um die, die ihn nicht besaßen daran zu hindern, dass sie ihn bekamen.
Nun begab es sich, dass Peter Nottage im März 1975 zu Besuch bei Christophers Surety in Dallas weilte. Der Versicherungsbroker hatte vier Manager von Lloyd’s mitgebracht, die Christophers Geschäfts analysieren wollten. Zu dieser Zeit verhandelte der Chef der jungen Leasingfirma mit der Chemical Bank in New York über einen 25 Millionen Dollar schweren Auftrag. Zudem wurde ein Computerdeal auf der Basis der Lloyd’s Policy diskutiert, bei der eine Vertragssumme von 15 Millionen Dollar verhandelt werden mussten.
Plötzlich waren beide Geschäfte gefährdet. Christopher wusste nicht warum. Doch er wurde hellhörig, als er erfuhr, dass Mr. Nottage auf seinem Rückflug nach London in New York Zwischenstation machen wollte, um sich dort mit Leuten von der Chemical Bank zu treffen. „Wir hörten, dass Commonwealth Leasing of Fort Lauderdale versuchte an die Lloyd’s Policy heranzukommen“, erinnert sich Christopher. Und alle drei Parteien – Bank, Lloyd’s und Commonwealth – wollten sich im Hauptquartier des Geldinstituts treffen. Das war Christopher zuviel. Er stellte Peter Nottage zur Rede. Doch dieser beteuerte, dass nichts daran wahr wäre. Christopher glaubte ihm nicht. Er beauftragte ein Detektivbüro in Florida damit, einen Lauschangriff auf das Trio zu führen. Der Detektiv schaltete wiederum einen New Yorker Abhörspezialisten ein, der nicht nur das Zimmer von Mr. Nottage im Plaza Hotel, New York, verwanzte, sondern auch den Konferenzraum der Chemical Bank. Selbst vor dem Firmenflugzeug der Commonwealth Leasing machte der Spezialist nicht halt.
Doch zum Unglück von Christopher war der Spezialist ein Informant des Federal Bureau of Investigation, des FBI. Und so hörte der Agent auch die Telefongespräche seines Auftraggebers ab. Zum guten Schluss kam alles ans Tageslicht. Christopher wurde 1979 zu einer Geldstrafe von 10.000 Dollar und einer Freiheitsstrafe mit Bewährung von zwei Jahren verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war er längst aus dem Geschäft, denn nach der Aufdeckung des Abhörskandals wollten weder die Banken, noch Lloyd’s mit dem Geschäftsmann etwas zu tun haben. Christopher musste schließlich sein Portfolio an die Bank of America verkaufen.
Als der Urteilsspruch gefällt wurde, trieb auch schon Lloyd’s dem Elend entgegen. Denn im Januar 1979 hatte IBM die 4300 angekündigt, die mit ihrem sensationellen Preis-/Leistungsverhältnis das ganze Restwertgeschäft durcheinander brachte.
Zurück in das Jahr 1975. Noch war der angeklagte Mr. Christopher mitten im Geschäft. Zwei seiner früheren Surety-Mitarbeiter starteten alsbald eine Firma namens Intercap., die über den Versicherungsbroker Nationwide General in Dalls ebenfalls zugriff zur Lloyd’s Policy. Und diese Agentur gehörte Christopher, der damit weiterkämpfte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Lloyd’s allerdings ihre Police zum allgemeinen Vertrieb freigegeben. Bis 1978 wurden weltweit Verträge im Wert von einer Milliarde Dollar geschrieben. Erst dann drehte London den Hahn endgültig zu. Denn nun tauchten die ersten Gerüchte über die Ankündigung einer neuen Computerserie auf. Lloyd’s wurde der Boden zu heiß, und die Policy wurde vom Markt zurückgezogen.
Als dann Ende Januar 1979 die IBM 4300 das Licht der Welt erblickte, warntzen Fachleute in den USA Lloyd’s vor möglichen hohen Verlusten. Erste Schätzungen ergaben, dass in den nächsten Monaten ein Betrag von 220 Millionen Dollar fällig werden könnte.
Doch der eigentliche Schaden stand noch bevor. Die Mehrheit der Maschinen, die unter einem von Lloyd’s abgedeckten Leasingvertrag standen, konnten erst 1980 und 1981 von den Anwendern gekündigt werden. Aber schon jetzt deutete sich das Ausmaß der Katastrophe ab. Die Marktwerte der Lloyd’s-Maschinen lagen bereits deutlich unter dem Buchwert der Banken. Und im Juni 1979 strengte die Federal Leasing Inc. in McLean, Virginia, ein Verfahren gegen Lloyd’s an, bei dem es um einen 627 Millionen Dollar hohen Schadensanspruch ging, wobei davon allerdings 500 Millionen Dollar als „Strafe“ gefordert wurden.
William Evans Jr., der damals 36jährige Miteigentümer der Federal Leasing, berichtetet, dass ihn zu jener Zeit täglich mehr als 50 Banken anriefen, die ein Rückbezahlung des Geldes verlangten. Lloyd’s hatte erst zehn Millionen Dollar an die Banken gezahlt.
Warum verklagten die Leasingfirmen Lloyd’s? Sie waren doch eigentlich gar nicht diejenigen, die geschädigt waren. Das waren doch die Banken. „Natürlich hätten wir uns zurücklehnen können, und die Banken mit Lloyd’s verhandeln lassen können“, meint Evans. „Aber wir wollten ja auch weiterhin mit den Banken Geschäfte machen.“
Die Leasingbranche ist an der Lloyd’s-Policy nicht zugrunde gegangen. Firmen wie ITEL, die 120 Millioenn Dollar bei Lloyd’s abräumte, sind vom Computermarkt verschwunden. Eine Frage ist aber bis heute ungeklärt: Haben nicht die Leasingfirmen mit ihren Discounts dafür gesorgt, dass IBM mit äußerster Aggressivität auf den Verfall ihrer Preisliste reagiert? Sind nicht die Leasingfirmen selbst der Grund dafür, dass die Restwertkalkulationen von Lloyd’s zusammenbrachen? Und musste eine Leasingfirma wie ITEL denn auch noch ins Geschäft mit steckerkompatiblen Computersystemen einsteigen, was schließlich das Fass zum Überlaufen brachte.[4]
Das sind Fragen, die keineswegs akademischer Natur sind. Zurzeit gibt es in der IBM-Welt keine wirklich ernst zunehmende Konkurrenz für den Marktherrscher, der selbst als Leasinggeber auftritt und sich bequem und im großen Stil der Kapitalmärkte bedient. Er hat den Markt total im Griff. Mit der Ankündigung der 3090 wird endgültig deutlich, dass IBM durch keinerlei Wettbewerb gezwungen ist, das Preis-/Leistungsverhältnis wieder derart stark zu verbessern (wie es 1979 bei der 4300 war).
Es sei denn, es kommt wieder ein junger Mann mit einer genialen Idee und bringt den gesamten Markt durcheinander. Mit IBM zunehmend aggressiverem Einstieg in die Leasingszene werden solche Ideen zur Überlebensfrage in dieser Branche, in der heute manche nur noch wild drauflos spekulieren oder sich völlig auf das Brokergeschäft konzentrieren.[5]
Neue Ideen sind also gefragt. Das wäre gut für die Anwender, vielleicht aber schlecht für den Erfinder. Denn die Gefahr, dass seine Idee – wie bei Christopher – moralisch überfordert, ist immer gegeben.
Übrigens: Wer redet in der Leasingbranche überhaupt von Moral. Seit dem Skandal mit den forschungsrabattierten Maschinen Ende 1984 muss man sogar der IBM die Moral besprechen. Und auch den Anwendern scheint es mitunter an Tugend zu mangeln. Das machte der Gerichtsprozess gegen Christopher deutlich. Zitat Herald Tribune: „In einer Zeugenaussage erklärte ein Vizepräsident von Southwestern Bell, dass er innerhalb von zwei Jahren etwa zwei Millionen Dollar Bestechungsgelder von zwei Intercap-Mitarbeitern nahm, die die Lloyd’s Policy in einem 77-Millionen-Dollar-Deal mit Southwestern Bell platzierten.“
Wenn das Schule macht, in der Computerbranche Bestechung das Mittel ist, mit dem man Geschäfte macht, dann braucht sich keiner mehr zu wundern, wenn die IBM-Welt bald nur noch eine Unterwelt ist und hier die Gesetze herrschen, die man aus diesen dunklen Sphären kennt.
Vielleicht ist deshalb die neue Idee eine ganz alte: Moral. Die Geschäftsmoral, die Seriosität des Anbieters sollte der Anwender zum wichtigsten Entscheidungskriterium bei der Auswahl seines Leasingpartners ernennen. Es darf den Markt nicht bis aufs letzte Quäntchen ausreizen. Sonst wird er eines Tages nur noch einen Leasingpartner zur Auswahl haben: IBM, die damit den gesamten Markt – von der Neuinstallation über Gebrauchtmaschinen bis hin zur Finanzierung – monopolisiert.
[1] Time, July 16, 1979: „Fabled Lloyd’s Takes a Bath“
[2] Datamation, March 1981. Hesh Wiener: „The Loss Generation“
[3] Herald Tribune, July 4. 1979, John F. Berry: „Llod’s Faces Big Losses in Computer Insurance“
[4] Financial Times, June 30, 1982. John Moore: „Lloyd’s concludes accord with Itel“
[5] Wall Street Journal, November 21, 1984, John Marcom Jr.: “IBM’s Credit Corp. Unit Plans to Make New Waves With Its Vigorous Leap Into Computer Leasing”

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