Dienstag, 27. November 2012

1992 GIGAsteps Classics: Insourcing (Teil 5)



„Sind nicht den Dingen Namen und Töne geschenkt, dass der Mensch sich an den Dingen erquicke? Es ist eine schöne Narrethei, das Sprechen: damit tanzt der Mensch über alle Dinge."
Friedrich Nietzsche, Philosoph

4.0 Wittgensteins Vermächtnis

4.1 Die Sehnsucht nach einer Formel

Das Schweigen. Der Versuch, die Rätsel der Datenwelt zu klären, führt die Informatik hin zur Linguistik, die von Philosophen wie Ferdinand de Saussure, Bertrand Russel, Alfred North Whitehead, Noam Chomsky und Ludwig Wittgenstein begründet wurde. Gerade letzterem gehört das Verdienst, dass er als erster klar erkannt hat, dass „die Formen sprachlichen Handelns eine gemeinsame Orientierung in der Welt überhaupt erst ermöglichen“, meint Professor Kuno Lorenz von der Universität Hamburg.[1]
Wittgenstein, der von 1889 bis 1951 lebte, hatte versucht, Sprache und Logik zu vereinen. In seinem 1921 veröffentlichten Frühwerk Tractatus definierte er die Welt ontologisch als eine Gesamtheit von „Tatsachen" und „Sachverhalten". Und das logische Bild der Tatsachen war für ihn der Gedanke. „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz", in dem sich die Welt abbildet. Durch eine mathematische Formel wollte er dem Satz sogar eine „allgemeine Form" geben. Mit seinem Tractatus glaubte Wittgenstein „die Probleme im wesentlichen endgültig gelöst zu haben". Berühmt ist seine Aussage: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." All das, was sich also nicht mathematisch abbilden lässt, bleibt dieser Behauptung zufolge besser ungesagt.
Vor bald einem Jahrhundert, 1912, forderte Wittgenstein in einem Brief an den Philosophen und Mathematiker Bertrand Russell: „Es muss sich herausstellen, dass die Logik von völlig anderer Art ist als jede andere Wissenschaft."[2] Und nach einer solchen Formel ‑ aus Mathematik& Logik suchen auch die Informatiker. Sie streben wie Wittgenstein nach einem „mechanistischen Standpunkt", wie es der Computerphilosoph Vilém Flusser einmal nannte. Ihr unausgesprochenes Credo: Man müsse nur die Sprache als Hebel ansetzen, um die ganze Welt bewegen zu können. Die sichere Grundlage, der Stützpunkt, auf dem man diesen Hebel ansetzen könne, sei die Mathematik. Flusser sieht Wittgenstein damit in der Tradition einer Geschichte, die mit dem Neandertaler begann (er erfand den Stützpunkt) und über Archimedes (archimedischer Punkt) bis hin zu Newton (Schwerkraft) führte.[3] Laut Flusser dachte Wittgenstein, „die Welt sei alles, was der Fall ist. Er meint damit implizit (wie der Neandertaler, Archimedes und Newton), man könne die Welt aus den Fugen heben. Nur vergißt Wittgenstein, dass wir zwischen verschiedenen Sorten von Fällen unterscheiden. Der Fall der Erde auf die Sonne ist eine andere Sorte von Fall als der Fall des Apfels auf Newton".
In seinen 1953, also nach seinem Tod, veröffentlichten Philosophischen Untersuchungen rückte  Wittgenstein aber dann deutlich von seinem Tractatus ab. Er glaubte nun nicht mehr an die unbedingte Exaktheit der Gedanken und Sätze, in die die Gesamtheit von „Tatsachen" und „Sachverhalten" überführt wird. Er erkennt die Mehrdeutigkeit einer als inexakt empfundenen Sprache an. Nur aus dem Gebrauch eines Wortes ergibt sich jetzt für ihn der einzige Weg, über dessen Bedeutung Erkenntnis zu erhalten. Und in diesen „Philosophischen Untersuchungen" findet sich der bemerkenswerte Satz: „Die Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Erfahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten."
Um nichts anderes geht es bei der Datenmodellierung: Sie ist eine Zusammenstellung des längst Bekannten, auch wenn es zum Beispiel in den bestehenden Anwendungen verborgen ist. Sie versucht nicht nur, den faktischen Datengebrauch zu konstatieren, sondern vielmehr die dahinter liegenden Einsichten zu rekonstruieren und in Beziehungen zueinander zu setzen. Ja, die Beziehungen untereinander sind der Schlüssel. Nur das Verhältnis der Dinge zueinander, könne die Welt repräsentieren. Ohne den Wunsch zu ändern, würde dieser Klärungsprozeß indes zu l`art pour l`art. Die Datenmodellierung wäre ein teures akademisches Spiel, das nur die betreiben würden, die sich aus der Wirklichkeit verabschiedet haben.
Dieser Gefahr unterlag auch die von  Wittgenstein im Tractatus entwickelte Philosophie, in der er die Sprache seinem „Ideal mathematischer Schönheit" unterwarf. „Hier formulierte ein Ingeniuer", bemerkte dazu 1991 die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Und dann heißt es weiter: „Eine Grundidee  Wittgensteins war, dass es eine Sprache geben müsse, die die Welt `isomorph, das heißt strukturgleich abbildet, eine Sprache als wahres Bild der Welt."[4] Wittgenstein wollte mit dieser Annäherung den Sprachverwirrungen entrinnen. Sein Bemühen galt dem „Kampf gegen die Verhexung unserer Sprache durch die Mittel unserer Sprache".[5] Deshalb versuchte er, ihr immer wieder auf den Grund zu gehen, wobei das, was er produzierte, weder Wissenschaft noch Kunst war. Es war Philosophie, wenngleich er sich selbst unentwegt fragte, „ob das, was er da trieb, wirklich Philosophie, wirklich philosophisch war", analysierte 1989 Henning Ritter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[6] 
Was Wittgenstein so anziehend macht, war seine „wunderbare Gabe, die Dinge immer wieder wie zum ersten Mal zu sehen. Aber es zeigt sich doch [...] wie schwer eine gemeinsame Arbeit ist, da er eben immer wieder der Eingebung des Augenblicks folgt und das niederreißt, was er vorher entworfen hat", kommentierte 1934 der Philosoph Friedrich Waisman.[7]
„Er war ‑ um es in der Sprache der Schulkinder auszudrücken ‑ eine Nervensäge und ein Besserwisser", meinte einmal Fania Pascal, seine Russischlehrerin in den dreißiger Jahren.[8] Genau das macht die Auseinandersetzung mit seinem Werk so schwierig. Viele „Denkverwandtschaften", die in den zahlreichen Beurteilungen und Interpretationen seiner Arbeit zelebriert werden, erweisen sich „bei näherem Hinsehen als Fata Morgana", meint 1989 der  Wittgenstein‑Kenner Reinhard Merkel in der Wochenzeitung Die Zeit.[9]
Schon seine Zeitgenossen taten sich mit diesem Mann schwer, der immer wieder auf dem Elementaren beharrte ‑ wie es übrigens auch die Datenmodellierer tun. So berichtet Bertrand Russell über ein Erlebnis mit dem jungen Wittgenstein: „Ganz zu Anfang hatte ich Zweifel, ob er ein Genie oder ein Spinner wäre. Einmal behauptete er, alle Existenzaussagen seien sinnlos. Wir waren gerade in einem Hörsaal und ich forderte ihn auf, über die folgende Aussage nachzudenken. `In diesem Raum ist jetzt kein Nilpferd'. Als er sich weigerte, dies zu glauben, schaute ich unter allen Tischen nach, fand aber keins. Er ließ sich trotzdem nicht überzeugen." Und der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes nahm Wittgenstein auf die Schippe, als er 1915 in einem Antwortschreiben formulierte: „Lieber Wittgenstein, ich war erstaunt, einen Brief von dir zu bekommen. Glaubst Du, er beweist, dass du während der kurzen Zeit existiert hast, als ich ihn erhielt?..."[10]
Die Datenmodellierer, die Informatiker, die ihn so für sich vereinnahmen, sollten dies berücksichtigen. Sie sind unterwegs zu dem, was der Philosoph Gerhard Vollmer einmal die „Minimalbeschreibung der Welt" nannte und damit das Gemeinsame aller Wissenschaften meinte.[11] Minimalbeschreibungen des Wissens eines Unternehmens, einer Branche, von Organisationen schlechthin sind auch  Datenmodelle. So wie Wittgenstein „die Wörter von ihrer mataphysischen wieder auf ihre alltägliche Bedeutung" zurückführen wollte, so wollen die  Informatiker mit Hilfe wird der  Datenmodellierung gleichsam die Alltagssprache einer Organisation untersuchen und einheitlich definieren. Man versucht über die  Datenmodellierung ein Spiegelbild der Wirklichkeit zu bekommen. Kein einfaches Unterfangen. „Man muss nicht Machiavelli oder andere Veristen zitieren, um darauf hinzuweisen, dass Sprache nicht allein der Abbildung der Wirklichkeit und der Weitergabe von Informationen dient, sondern auch der Verschleierung der Realität und der Bewahrung der arcana imperii", warnt der Historiker Karlheinz Weißmann.[12]  Übertragen auf die  Datenmodellierung heißt dies: sie geht auch den Lügen auf den Grund, die sich in den Datenbanksystemen versteckt haben. Und dabei sind sie so erfolgreich, dass ‑ so geht die Mär ‑ zum Beispiel ein großes deutsches Unternehmen die  Datenmodellierung deswegen eingestellt haben soll, weil sie zuviele Lügengebäude entdeckt hat.
Keimfreie Sprachwelt. Sprache ist Herrschaft ‑ und vor diesem Hintergrund wird die  Datenmodellierung von den Benutzern mit einigem Argwohn betrachtet. Denn sie versucht, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, gleichzeitig aber die erkundete Welt in ein Modell zu fassen. Der britische Philosoph Peter Winch schrieb 1987 in der Tradition Wittgensteins: „Wenn wir verstehen wollen, in welcher Weise ein Ideensystem mit der Wirklichkeit zusammenhängt, gehen wir am besten so vor, dass wir die wirkliche Anwendung dieser Ideen im Leben untersuchen." Bei diesem Bemühen ‑ übertragen auf die  Datenmodellierung kann es aber zu einer Kollision zweier Ansichtswelten kommen, nämlich die der  Datenmodellierer und der Benutzer. Winch nennt dies das „nicht reibungslose Zusammentreffen zweier Sprachspiele".
Die Benutzer befürchten, dass ihnen dadurch ihre Lebenswelt erneut entfremdet wird, wie sie dies zuvor mit dem Einzug der Computer hatten wiederholt erleben müssen. Durch  Datenmodellierung werde Wirklichkeit „weggezogen", eben abstrahiert und das so entstandene Modell  als objektive Wahrheit dargestellt. Die Spiegelwelt, die sie errichten möchte, verselbständigt sich von der Wirklichkeit, versucht ihr ihre Ordnung zu oktroyieren. Diese Ordnung ist nicht den untersuchten Dingen inhärent, sondern kommt aus den „Praktiken der Wissenschaft" (Winch), also zum Beispiel dem auf der Mathematik beruhenden Entity Relationship Modell.
Am Ende ‑ so der Verdacht ‑ ist diese aufgezwungene Ordnung selbst Ursache für das Chaos, unter dem die Realität leidet. Solche Vorwürfe haben ihren Hintergrund zum Beispiel in den chaotischen Zuständen an den hochinformatisierten Kapitalmärkten, in denen inzwischen ‑ um Flussers Gedankengang einmal anzuwenden ‑ der Zu‑Fall der vorherrschende Fall ist. Durch massiven Computereinsatz wurde hier nichts anderes als eine globale Spielhölle erzeugt, in der leichtfertig mit dem Schicksal von Unternehmen und Volkswirtschaften gepokert werde. Am Ende bleiben ausgeblutete und überschuldete Unternehmen übrig.
Ein anderer Vorwurf mag reflektieren, dass die  Datenmodellierer versuchen, ein geschlossenes System zu errichten, das nach den strengen Regeln von Ursache und Wirkung aufgebaut ist. Alles, was in diesem System geschieht, ist genau vorhersehbar. Die Verknüpfungen und Verbindungen sind ein für allemal festgelegt. Und da die meisten Benutzer noch unter der Starrheit der alten Anwendungssysteme leiden, haben sie nun Angst, dass die  Datenmodellierung nichts anderes als ein neuerlicher Versuch sei, eine prästabilisierte Ordnung herzustellen, aus der es kein Entrinnen gibt. Ihr Argwohn: irgendwann werde diese auf hohem Abstraktionsniveau geschaffene Ordnung in Chaos umschlagen. (Siehe Kapitalmärkte)
 „Die  Datenmodellierer müssen aufpassen, dass sie nicht als Abstraktionskünstler verschrien werden", sinniert Horst Behr, Experte im Bereich Programming Systems der IBM Deutschland. Sie laufen Gefahr in einer Begriffswelt zu schweben, die in den Verdacht geraten kann, nichts mehr gemein zu haben mit den Werten und Worten der Benutzer, weil sie zu sehr von ihnen abgehoben hat. Eine ähnliche Tendenz war auch Wittgenstein vorgeworfen worden. Was dahinter steht, ist die Kollision einer keimfreien, abstrahierten Sprache mit der Erlebnissprache des Alltages.
Professor Herbert Marcuse, ein 1934 in die USA emigrierter marxistischer Philosoph und Soziologe, warnte 1964 in einer Auseinandersetzung mit Wittgensteins Philosophie davor, dass durch eine „analytische Behandlung der Alltagssprache" eben diese „wirklich keimfrei und unempfindlich gemacht" werde. Sie überträgt die „Alltagssprache in ein spezielles akademisches Universum", das „selbst dort (und gerade dort) gereinigt und synthetisch ist, wo es mit Alltagssprache angefüllt wird". Und weiter: „Die vieldimensionale Sprache wird in eine eindimensionale Sprache verwandelt, in der verschiedene und einander widerstreitende Bedeutungen sich nicht mehr durchdringen, sondern auseinander gehalten werden; die sprengende historische Bedeutungsdimension wird zum Schweigen gebracht".
Verstärkt wird diese Tendenz noch dadurch, dass die  Datenmodellierer dazu neigen, sich unter Berufung auf die Mathematik mit höchster wissenschaftlicher Autorität zu umgeben. Die mathematische Grundlage, die sie ihrer Kunst geben, soll jede Kritik im Keim ersticken. Die Mathematik ist für sie das alleinige Medium, das die sorgfältig sezierten Dinge wieder miteinander verbindet.
Abstraktionsmarathon. In der Kombination von Mathematik und Sprachanalyse glauben die  Datenmodellierer eine wissenschaftliche „Sicherheitsstrategie" entwickeln zu können. Mit ihrem Abstraktionsmarathon ‑ die Entwicklung eines fein granulierten  Datenmodells kann bis zu zehn Jahre dauern ‑ nähern sie sich dem Punkt, wo ihre Erkenntnisse nur noch als trivial empfunden werden kann. Je eindeutiger etwas festgelegt oder definiert ist, desto geringer ist auch der Gehalt. „Eine Aussage ist geltungsmäßig von vornherein umso wahrscheinlicher, je geringer ihr Informationsgehalt ist", warnt der Philosoph Helmut Spinner  vor solchen Annäherungen.[13] Was vielmehr benötigt wird, ist das „Streben nach interessanten, hochinformativen Theorien" ‑ selbst auf die Gefahr hin, dass sie unwahrscheinlich sind. Spinner: „Sicherheitsstrategien fördern bestenfalls informationsarme Trivialitäten zutage, nichtssagende Allerweltsformeln, die durchaus wahr sein mögen, aber mangels Problemlösungskraft ‑ die ja direkt vom Informationsgehalt abhängig ist ‑ für die Wissenschaft uninteressant sind, weil sie zur Erkenntnis der Wirklichkeit ja doch nichts oder nur wenig beitragen", formuliert Spinner.[14]
So weit darf es nicht kommen, wobei Marcuse durchaus einen großen Bedarf an Sprachanalyse attestiert, denn wir verstehen „einander nur durch ganze Bereiche des Missverständnisses und des Widerspruchs hindurch. Das wirkliche Universum der Alltagssprache ist das des Kampfes ums Dasein. Es ist in der Tat ein zweideutiges, vages und dunkles Universum und bedarf sicherlich der Klärung. Eine solche Klärung kann durchaus eine therapeutische Funktion erfüllen..."[15]
 Vetter benutzt zwar diesen Begriff nicht, doch auch er geht von einer therapeutischen Wirkung der  Datenmodellierung aus: „Nur wenn wir lernen, ganzheitliche, in ein Gesamtkonzept passende Lösungen für Einzelprobleme zu entwickeln und alle Betroffenen an der Lösungsfindung beteiligen, werden wir im Sinne der Systemtheorie zu einer Integration, zu einem Zusammenspiel von Systemen, zu einer technischen wie auch geistig‑ideologischen, den Menschen miteinschließenden Vernetzung und damit letzten Endes zu einer für alle Beteiligten vorteilhaften Nutzung kommen." Und deshalb empfiehlt er, auch dann mit „der Schaffung eines globalen  Datenmodells" zu beginnen, „wenn dessen Etablierung auf einem System gar nicht zur Debatte stehen".[16] In der  Datenmodellierung zeigt sich, wie „sehr die  Informatik von der Sprachphilosophie profitiert hat", erklärt Behr. Und  Münzenberger ergänzt: „Die  Informatik ist eben eine Querschnitts‑Disziplin, die sich aus sehr vielen Quellen speist". Eine Eigenschaft, die sich diese junge Wissenschaft unbedingt erhalten sollte, wenngleich gerade dieses Einwirken vieler Strömungen eine esoterische Abkapselung als Reaktion hervorrufen kann.

4.2 Der Informations‑Drache

Die Sicherheitspioniere. In der  Datenmodellierung prallen zwei Welten aufeinander, die der Abstraktion und Struktur und die der Ereignisse und des Chaos. Für die Mathematiker sind es die lineare und die nonlineare Welt. Letzterer wollen sie durch ihre Chaos‑Theorie zuleibe rücken. Das Magazin der Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb dazu im Mai 1991 in einem ausführlichen Bericht: „In der Chaos‑Theorie könnte man [..] den Versuch sehen, einen letzten wissenschaftlichen Rettungsring zu bauen. Er muss groß genug sein, die ganze Welt zu tragen." Sie ist also der neue Stützpunkt.
Der Philosoh Ernst Bloch schrieb 1929 ein wunderbares Essay über den Ingenieur. Und beim Lesen spürt man, dass dieser Ingenieur von damals viel gemeinsam hat mit dem  Informatiker von heute. Der Techniker sei vom „Ritter, vom Abenteurer schlechterdings verschieden", formuliert Bloch. Denn im Gegensatz zum Helden der Vergangenheit sucht der Techniker nicht, „sondern er fürchtet das ungesicherte Leben, erschrickt vor allem, was während der Jagd aufspringt. Dergestalt legt er tausend durchrationalisierte Sicherungen, damit das Neue ja nicht anders angetroffen werde als das Gewohnte. Auch der neuere Erfinder, der technische Pionier ist nicht recht ein Ritter, der Abenteuer sucht, um ihrer selbst willen, mit Wildnis und Drachenhaftem darin, woran sich Mut zu erproben hätte. Er übt auf dem Vormarsch eher viel List, erprobte Kentnisse, mit Sicherungen; er erschrickt sinngemäß, wenn die Sicherung, vor der angetroffenen Stromstärke, zu schwach ist, durchschmilzt. Die Chance des Unfalls soll rechtens auf ein Minimum herabgesetzt werden, und diese Chance mehrt sich bei jedem Vordringen in Unbekanntes." Und schließlich bemerkt Bloch: „Gibt es freilich in einer durchaus rechenhaften Welt keine Ritter vor dem Unbekantem mehr, so doch auch nicht ihr völliges Gegenteil. Im modernen Ingenieur größeren Stils, qua größeren Stils, ist Wagniswesen durchaus enthalten, trotz des einschneidenden Unterschieds solcher Pioniere und der Gefahrensuchenden. Und auch Hybris lebt noch, obzwar empirisch gedämpft, kalkuliert und so relativ versickert, in der Brust des Erfinders."[17]
So wirken auch die  Datenmodellierer, die auf dem Wege sind den Drachen „Information" mit seinen vielen Häuptern zu erledigen.
Warehouse & Kirchturm. Die  Datenmodellierung aber liefert nun einen sehr viel besseren Ansatz, das Denken offen zu halten. Sie geht zurück zum Ursprung. Sie versucht die Rätsel, die uns der Rohstoff „Information" aufgibt, aufzulösen. Und kräftige Hilfestellung kann dabei das von der IBM am 11.September 1991 vorgestellte Information Warehouse leisten, das ‑ vorerst als „neues Konzept" vorgestellt ‑ die Akzeptanz der Informationsverarbeitung auch beim Management heben wird: „Das Warehouse wurde mit dem Ziel entworfen, den Leuten zu helfen, die Informationen zu bekommen, die bislang für sie nur sehr schwer zugänglich waren", berichtet Arnold Kraft, Präsident und Chief Executive Officer bei Bachman Information Systems. Dieser AD/Cycle‑Partner liefert dabei Tools, die die  Datenmodellierung im Warehouse vereinfachen. Kraft: „Vor allem kann man unsere Tools benutzen, um die Entitäten, Attribute und Beziehungen in der Datenbank aufzudecken, so dass man selbst versteht, was tatsächlich von struktureller Bedeutung ist und was nicht. Wir können dies graphisch demonstrieren, so dass die Strukturen der Datenbank bildhaft werden".[18]
Koordinierung von Menschen. Das Information Warehouse soll helfen die völlig desorganisierte Welt der Daten zu erkunden. „Die Verwirrungen, die uns beschäftigen, entstehen gleichsam, wenn die Sprache leerläuft, nicht wenn sie arbeitet", schreibt Wittgenstein in seinen „Untersuchungen". Übertragen auf die  Informatik möchte man sagen: die Verwirrungen entstehen, wenn sich die Daten dem Integrationsprozess entziehen. Sie arbeiten nur für spezielle Anwendungen, von denen müssen sie befreit werden. Der Philosoph Wittgenstein sagt: „Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, das Philosophieren abzubrechen, wann ich will."[19] Der  Datenmodellierer wurde sagen: „Die eigentliche Entdeckung ist die, die mich fähig macht, die Anwendung abzubrechen (abzutrennen), wann ich will."
Wie drängend diese „Entdeckung" ist, macht Bill Kalafus, Datenbankadministrator bei der Tri State Generation in Denver deutlich: „Das Konzept des Data Managements versucht die Kirchturmpolitik zu durchbrechen, die bislang von den Eigentümern der Daten praktiziert wurde. Dabei wird der Eigentumsvorbehalt, demzufolge die Daten einer Abteilung, einer Anwendung oder gar einer Person gehören, aufgehoben. Man stellt die Daten in einen größeren Zusammenhang. Ein unternehmensweiter Datensee wird definiert, in den nun die Anwendungen hineinfließen, aus dem Daten herausgezogen, manipuliert und in neue Kombinationen zusammengestellt werden können. Das Problem ist nur, dass dieser See zu groß und zu unterschiedlich ist, um allein nützlich zu sein."[20] Kurzum: Er muss strukturiert werden.
Das Information Warehouse bildet nun das Sammelbecken aller Daten. Es durchbricht dabei die Innenwelt der Abteilungen, die mit ihrem omnipotenten Praxisanspruch die von ihnen zunehmend abhängigen Software‑Entwickler in Schneckenhäuser verbannt haben. Hier liegt vielleicht die Hauptursache für das introvertierte Image der  Informatiker, die mit ihrem Gegenangriff ‑ der  Datenmodellierung prompt dem Verdacht ausgesetzt sind, akademische Sandkastenspiele zu betreiben.
Denn die mit der  Datenmodellierung einhergehende Standardisierung wird von den Abteilungen als eine eher langweilige Aufgabe empfunden. Klagt der amerikanische Datenbankspezialist Arvind D. Shah, Prinzipal bei der Performance Development Corp. in Princeton (New Jersey): „Standardisierung ist eine notwendige Voraussetzung, um Daten vernünftig zu managen. Die Mehrheit der Benutzer stimmen in den Verhandlungen auch sofort dieser Idee der Datenstandardisierung zu. Oftmals ist es sogar etwas, worauf sie schon lange hofften. Aber wenn der Augenblick der Wahrheit kommt und man tatsächlich damit beginnt, die Datendefinitionen zu prägen, dann fangen sie an zu lamentieren und erklären, dass dies zu lange dauern würde. Das Projekt würde nicht mehr rechtzeitig fertig. Es sei noch soviel zu tun, dass man sich weiteres Zögern nicht leisten könne. Denn dann verlöre das Projekt seine Bedeutung. Plötzlich sind für sie Standards weniger wichtig. Sie wollen nun, dass ihre Konventionen ganz einfach für alle gelten."[21] Der Funktionalismus feiert.
Die Benutzer wissen, was sie wollen. Aber in der Kommunikation mit der  Informatik kam zumeist nur der Wille rüber, nicht das Wissen. Und das hat seinen Grund darin, dass der Wille der Benutzer viel präziser ist als ihre Erkenntnis. Hat dann der im Projektverlauf kräftig fluktuierende Funktionalismus triumphiert, ist das Wissen in seiner amorphen Struktur voll in die Anwendungen übergegangen. Wird nun im Rahmen der  Datenmodellierung versucht, einen Teil dieses Wissens unterscheidend zu rekonstruieren und zu präzisieren, dann wird das von den Benutzern als eine brotlose Kunst empfunden. Was sie wollen, ist das, was die Anwendung noch nicht erfüllt. Sie treiben den Funktionalismus weiter. Der  Datenmodellierer aber will an die Vergangenheit heran, ein höchst unpopulärer Anspruch.
Doch es gibt dazu keine Alternative. Der Philosoph Hans Jonas schreibt in seinem Buch „Prinzip Verantwortung" zum Thema „Die Vergangenheit als Quelle des Wissens vom Menschen": „Soweit es praktisch ist, das heißt fürs planende Handeln, etwas von der `Geschichte' zu lernen gibt (eine schwankende Möglichkeit, da `Vergessen' zum Schöpferischen gehört), so muss man mit dem einzigen Wissen, das wir vom Menschen haben, an das Entwerfen der Zukunft gehen, soweit es so etwas überhaupt gibt. Jedes wirklich im Gewesenen verborgene `Noch‑Nicht' (über das uns das Gewesene selbst nichts sagen kann) wird sich in der Ankunft des Entworfenen als Überraschung herausstellen ‑ und nichts steht dafür, dass es immer eine freudige ist; aber selbst diese so wenig wie ihr Gegenteil bringt das Subjekt `seinem' Prädikat näher (beide gehen vielmehr aus ihm hervor: keine verkörpert teleologisch ein angelegtes Ziel seiner Natur." [22]
Die  Datenmodellierung ‑ und das macht sie in den Augen der Funktionalisten so suspekt ‑ entwirft nicht die Wirklichkeit, sondern bildet sie ab. Sie legt dabei nicht nur das „Vergessene" frei, sondern schonungslos auch das, was man vergessen möchte. Sie klärt, was wir wissen, aber sie mildert nicht unsere Ungewissheit. Darüber muss sie ‑ nach Wittgenstein ‑ schweigen. Im Funktionalismus hingegen sehen dessen Apologeten Zielgerichtetheit. Doch es entartet zu einer atemlosen Flucht nach vorn. Der eindimensional ausgerichtete Funktionalismus mit seinem „erbarmungslosen Optimismus" (nach Jonas) verrät das Ziel, das er besetzen möchte, weil er seine Herkunft verleugnet oder vergräbt. Schlimmer noch: in seiner Ungeduld, mit der er das Bestehende betrachtet, hat er das Überraschungsmoment immer gegen sich. Die  Datenmodellierung kann die Überraschungen nicht verhindern, was sich übrigens der Funktionalismus insgeheim anmaßt. Sie erhöht auch nicht die Reaktionsfähigkeit auf unerwartete Ereignisse, was ebenfalls der Funktionalismus in Abertausenden von Werbeschriften als Standardbotschaft verheißt. Die  Datenmodellierung schenkt vielmehr die Möglichkeit, bewußtes, gemeinschaftliches Handeln auf Ereignisse jeder Art zu praktizieren.
„Am  Datenmodell geht kein Weg vorbei, wenn man die Informationsbasis seines Unternehmens zukunftssicher gestalten will", meint Pass‑Chef Rienecker. „Nur so kann der Datentaylorismus überwunden werden, der erzeugt wurde durch den Funktionstaylorismus", setzt Heiner Emrich, bis Januar 1992 DV‑Chef beim Maschinenbauer Wilhelm Fette in Schwarzenbek bei Hamburg, nach. „Wir brauchen keine Rationalisierungs‑Gurus, sondern die synergetischen Effekte müssen freigelegt werden." Bestätigt Eerko Weeke, Geschäftsführer beim Softwarehaus weeke & mühling in Dortmund: „Erst wenn alle Unternehmensfunktionen das gleiche Verständnis von Dateninhalten und deren Verwendung haben, wird eine Integration unterschiedlicher Systeme möglich". Dann werden zum Beispiel solche Visionen wie CIM wahr.


[1] Kuno Lorenz: „Die Höhepunkte der sprachlichanalytischen Philosophie ‑ Ludwig Wittgensteins Vermittlung von logischem Empirismus und linguistischem Phänomenalismus" in „Linguistik und Sprachphilosophie, München, 1974, ISBN 3 472 6 1427 3
[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.4.1989, Henning Ritter: „Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn ‑ Ludwig Wittgenstein
[3] Die Zeit, 15.3.91, Vilém Flusser: „Vom Hebel"
[4] Die Zeit, 19.9.1991. Eckhard Nordhofen: „Der Geist sei bei mir"
[5] Die Zeit, 26.8.1978, Willy Hochkeppel: „Denken in unserer Zeit"
[6] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.4.89, Henning Ritter: „Wo Andre weitergehn, dort bleib ich stehn ‑ Ludwig Wittgenstein ‑ Die Welt im Kopf"
[7] Entnommen aus: Die Zeit, 1.9.1989, Reinhard Merkel: „Das Klappen der Schere des Haarschneiders"
[8] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.4.89, Henning Ritter…
[9] Die Zeit, 1.9.89, Reinhard Merkel…
[10] Die Zeit, 28.4.89, Reinhard Merkel: „`Du wirst am Ende verstanden werden'"
[11] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.9.87, Andreas Kuhlmann: „Ruhe bei den Kämpfern"
[12] Die Welt, 4.4.92, Karlheinz Weißmann: „Management by love" >]
[13] Helmut Spinner, Frankfurt 1974: „Pluralismus als Erkenntnismodell"
[14] Helmut Spinner, Frankfurt 1974: „Pluralismus als Erkenntnismodell"
[15] Herbert Marcuse, Neuwied 1967. „Der eindimensionale Mensch"
[16] Institut '90, IBM Deutschland GmbH, Stuttgart, 12.‑13.9.90, Vortragsunterlagen, Dr. Max Vetter: „Die globale Datenmodellierung zur Lösung des `Jahrhundertproblems der Informatik'“
[17] Ernst Bloch, Frankfurt 1962: „Verfremdungen ‑ Die Angst des Ingenieurs"
[18] Computerworld, 2.9.91, Rosemary Hamilton: „Bachman on Warehouse team"
[19] Ludwig Wittgenstein, Oxford 1958: „Philosophische Untersuchungen"
[20] Computerworld, 2.9.91, Bill Kalafus: „There's no excuse for disorganized data"
[21] Datamation, 1/84, Arvind D. Shah : „Data Administration: it's crucial"
[22] Herbert Marcuse, Neuwied 1967: „Der eindimensionale Mensch" 

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