Donnerstag, 18. August 2011

Die Geschichte des PCs: DER URSCHREI (Teil8 und Ende)

6. Quick & Dirty Tricks

Von Raimund Vollmer

Mit Seattle im Sattel. Der Rest der Gründungsgeschichte ist schnell erzählt. Microsoft besaß zwar selbst kein eigenes Betriebssystem, doch sie hätte den Poker um das wichtigste Geschäft ihrer Geschichte kaum bestehen können, wenn sie nicht bereits eine Lösung in der Hinterhand gehabt hätte. Nur zwanzig Au­to­mi­nu­ten vom damaligen Sitz der Company in Bellevue entfernt, gab es die Firma Seattle Com­pu­ters, die sich bereits an die nächste Mikroprozessor-Generation, an den schnelleren 16-Bitler, an den Intel 8086, herangewagt hatte. Die Firma hatte darauf gewartet, eben­so wie übrigens Microsoft, dass Digital Research mit einem entsprechenden Be­triebssystem dafür herauskommen würde. Doch Kildall war in Verzug - er be­saß offenbar überhaupt keine 16-Bit-Version.

So hatte ein Mitarbeiter von Seattle Computers 1980 damit begonnen, selbst ein Betriebssystem zu entwickeln: Quick & Dirty Operating Sy­stems (QDOS). Schon im September 1980 hatte sich Gates eine Kopie besorgt, aber noch keinen Vertrag mit Seattle geschlossen. Das holte er im Januar 1981 nach. Für insgesamt 25.000 Dollar erwarb Microsoft nun eine Lizenz. Und im Februar 1981 lief das Betriebssystem auf einem Prototyp des IBM PCs. In einem beispiellosen Kraftakt gelang es den Entwicklern, bis zur Ankündigung das Betriebssystem vollständig an die Anforderungen der Maschine anzupassen. Vier Wochen vor dem 12. August gelang Gates dabei noch ein Coup von ganz besonderer Würze: für weitere 50.000 Dollar erwarb er alle Rechte an QDOS. (Im Februar 1986 kam es zu einem Rechtsstreit, bei dem Seattle Computers 60 Millionen Dollar von Microsoft einklagte. Im De­zember 1986 wurde der Fall gütlich beigelegt. Microsoft zahlte 925.000 Dollar.[1])

Digital Research schien 1981 völlig aus dem Rennen. Schnell firmierte Gates das Betriebssystem um in MS-DOS. Nun standen die Buchstaben nicht mehr für Quick & Dirty, sondern für Microsoft und Disc Operating System. Doch ein kleiner schmutziger Trick war immer noch dabei.


6.1 Der Mann, der die Luft erfand

MS-DOS war zwar ein ausbaufähiges Betriebs­system, es hatte aber einen entscheidenden Nachteil: es war nicht kompatibel mit CP/M. Darauf hatte sich indes IBM verlassen. Es soll dann Kildall gewesen sein, der die Entry-Leute darüber aufklärte. Das Ergebnis war, dass am 12. August 1981 der IBM PC mit zwei Betriebssystemen angekündigt wurde: mit dem kleinen PC‑DOS für 40 Dollar und dem stolzen CP/M-86 für 240 Dollar. Zwei Betriebs­systeme auf ein­mal ‑ so etwas hatte die junge Branche noch nie erlebt. Das war eine absolute Novität im Mikromarkt. Meint Kildall: »Niemand wuss­te, wohin der Markt gehen würde.«[2] Vielleicht war das halbe Jahr entscheidend, mit dem Digital Research 1981 im Verzug war. Vielleicht war es auch der Preisunterschied. Auf jeden Fall hatte die Computerbranche bis dahin noch nie einen solchen Typen wie Bill Gates erlebt: eine geniale Mischung aus Zauderer, Zauberer und Zocker.

Rühmte zehn Jahre nach der Au­gust-Revolution das Nachrich­ten­ma­gazin »Newsweek«: »Heute for­dert jeder IBM und IBM-kompatible Computer diese MS-DOS-Software. Es ist, als ob man die Luft er­funden hätte«.[3] Richtig: Bill Gates war es, der die Luft erfunden hatte. 1981. Von da an fegte er mit einem Sturm nach dem anderen einen Wettbewerber nach dem anderen vom Markt oder drängte ihn in eine kümmerliche Ecke.


6.2 Boss namens Bios

Und IBM? Sie verlor die Herrschaft über ihren Markt nicht erst 1991 in der Schlacht zwischen OS/2 und Windows, sondern bereits 1984. Denn auch ihre Macht basierte auf einem kleinen Trick, mit dem die Company versuchte, ihr Erstgeburtsrecht im MS-DOS-Markt zu wahren.

So schimpfte 1984 der amerikanische Computerexperte George Marrow über die »wirk­lich schlimmen Designfehler« des PCs. Und das sei nicht etwa die Schuld von Microsoft, von der Big Blue das Betriebsystem bezog. Man könne dies auch nicht den Zulieferern zur Last legen, mit denen der Marktführer wegen Qualitätsproblemen zunehmend Schwierigkeiten hatte. Nein, es sei allein die »Schuld« von IBM.

Aber diese Designfehler erzeugten das, was Marrow »das IBM‑Phäno­men« nannte: die To­le­ranz des Marktes gegenüber diesen Makeln. Sol­che gravierenden Schwächen durfte in der Branche nur IBM zei­gen. Ihr nahm man sie ab. Der Markt erklärte sie zur Strategie und verklärte sie damit gleichzeitig zum Mythos. Und dieser Mythos hieß BIOS (Basic In­put/Output System).[4]

Dabei handelte es sich um eine von IBM ge­schütz­te und fest in ein ROM­‑Chip einpro­gram­mierte Schnittstelle zwi­schen dem Betriebssy­stem MS‑DOS und der reinen Hardware. Oberhalb des Be­triebssystems lagen dann die Anwendungs­programme wie etwa die damals po­pu­läre Spreadsheet‑Software Lo­tus 1‑2‑3.

Bei einigen Applikationen erwies sich dieses Zusammenspiel von An­wendung, Betriebssystem, BIOS und Hardware als sehr träge oder gar als unmöglich. Solche Programme verkauften sich schlecht. So war jeder daran interessiert, Treiber zu bauen, die unter Umgehung des Betriebssystems das BIOS direkt ansteuerten. Die Kompatibilität mit MS-DOS genügte nicht. Es musste also noch einiges an Zusatzarbeit geleistet werden. Diese Anpassungen mussten für jeden Hersteller extra aufgebracht werden. Und da IBM die absolute Nummer 1 im Markt war, wurden die Anwendungen, Peripheriegeräte und Zubehörteile zuerst für die Produkte dieses Anbieters entwickelt. So festigte Big Blue ihre Position. »Ob das nun Absicht war oder nicht, es hat jeden­falls IBM zum dominanten Anbieter im Klein­com­pu­termarkt gemacht«, analy­sier­te damals diesen Effekt der PC‑Experte Marrow. [5] Auf jeden Fall schützte IBM massiv ihre Rechte am BIOS. Niemand durfte diese Schnittstelle einfach nachahmen. MS-DOS und BIOS bildeten ein wunderbares Gespann.

Doch dann kam der Angriff aus dem Nichts. Eine winzige Firma aus Norwood in Massachusetts kippte das Duopol. Ihr Name: Phoenix Softwa­re Associates Ltd. Es war ein hochspezia­li­sier­tes Softwa­re­haus mit einem Umsatz in 1983 von knapp einer Mil­lion Dollar. Dieser Zwerg sollte den gesamten PC‑Markt durcheinander und IBM um ihre Macht bringen

Als der Gigant im August 1984 seinen PC‑AT als neuen Knüller ankündigte, sollten die Wettbewerber bald Grund haben zum Jubeln. Zuerst einmal un­ter­warfen sie sich blindlings dem IBM-Stan­dard. Sie wollten möglichst schnell kom­pa­tible Produkte zum AT ankündigen. Ihr größte Sorge galt dabei nicht der technologischen Heraus­forderung, die der AT stellte. Die war lachhaft klein. Nein, es war ihre Angst vor Rechtsstreitigkeiten mit IBM - wegen BIOS. Es war immer noch eine uneinnehmbare Festung. Aber jetzt gab es dieses kleine Softwarehaus aus Massachusetts, das eine lupenreine Lösung in der Tasche hatte. Es schlug IBM mit ihren eigenen Waffen.

Damals waren die Zeitungen voll von dem Shakeout in der PC‑Industrie. Firmen machten reihenweise ihren Laden dicht. Nur IBM wuchs und wuchs. BIOS hatte alles im Griff.

Um gegen Big Blue bestehen zu können, gab es nur eine Chance: unbedingte Kompatibilität. Technisch war sie nicht schwierig herzustellen, nur juristisch. Und nach genau einem juristisch einwandfreien Weg suchten die Entwickler von Phoenix. Sie beschäftigten ein ganzes Heer von Anwälten, die hier nach einem Weg suchen sollten. Und sie fanden ihn.


6.3 Jungfrauen und Infizierte

Phoenix entwickelte ein 100prozentig kompatibles BIOS, ohne dass IBM auch nur eine Chance hatte, diese Firma zu verklagen. Und die Methode sah so aus:

Es gab bei Phoenix zwei Arten von Programmierer: die »Jungfrauen« und die »Infizierten«. Letztere kannten haargenau jede Spezifika­tion des IBM BIOS. Sie wussten, was es tat und wie es arbeitete. Die »Jungfrauen« hingegen hatten keine Ahnung von BIOS. Das war Einstel­lungsbedingung. Ihnen wurde nun von den »Infizierten« mitgeteilt, was das BIOS leistete. Sie erhielten eine Beschrei­bung. Aber sie bekamen keine Infor­mationen darüber, wie diese Funktion von IBM realisiert worden war. Sie sollten ihren eigenen Weg finden. Und so schufen sie ein BIOS, das zwar funktional voll dem der IBM entsprach. Aber es war keine Kopie. Es war ein Clone. Und gegen diese Methode war Big Blue machtlos. Für anfangs 200.000 Dollar konnte nun jeder Wettbewerber die Phoenix‑BIOS‑Lizenz erwerben. Später ging der Clone‑Schöpfer auf 100.000 Dollar runter. Schließlich nahm er überhaupt keine Einmallizenz mehr, sondern berechnete »Royal­ties«: zehn Dollar für jeden BIOS‑Chip. Firmen wie AT&T, Xerox, Tandy und Texas Instruments gehörten alsbald zu seinen Kunden.[6] Aber Phoenix bekam auch Konkurrenz. So berechneten die Clone‑Ingenieure Award Software Inc. aus Kalifornien nur sieben Dollar für ihren Chip. Besonders erfolgreich eroberte der Clone‑Spezialist Chips & Technologies Inc. das Geschäft mit der perfekten PC‑Kopie. 1984 als Drei‑Mann‑Firma in Milpitas, Kalifornien, gegründet, beschäftigt dieses Unter­nehmen zwei Jahre später 138 Mitarbeiter, galt als der Marktführer beim BIOS‑Bausatz.[7] Der Aufstieg des Clone‑Clans begann und damit die Gleichschaltung der IBM mit ihrem Markt. Mit BIOS war auch ihr Mythos gebrochen.

Wenige Jahre später, 1991, sollte sich auch Microsoft von ihrem einstigen Herrn und Meister trennen und alleiniger Herrscher über das PC-Imperium werden. Doch zu diesem Zeitpunkt, als Gates sich gegen das neuartige Betriebssystem OS/2 und für den MS-DOS-Aufsatz Windows 3.X entschied, wurden die Karten im Computermarkt schon neu gemischt. Das World Wide Web entstand. Und mit ihm eine neue Generation...

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ENDE

Quellen

[1] Datamation, 15.1.1987: »Settlement reached«

[2] Fortune, 21.1.1985, Jaclyn Fierman: »A fallen software star tries a comeback«

[3] Newsweek, 8.7.1991, Michael Rogers: »The whiz they love to hate«

[4] Personal Computing, 3/1984, Charles Rubin, Kevin Strehlo: »Why so many computers look like the ´IBM standard`?«

[5] Personal Computing, 3/1984, Charles Rubin, Kevin Strehlo: »Why so many computers look like the ´IBM standard`?«

[6] Business Week, 28.7.1986, Geoff Lewis: »The PC wars: IBM vs. the clones«

[7] Computerworld, 29.6.1987, James A. Martin: »Chips & Technologies tackles PS/2«