Donnerstag, 8. September 2011

Der Jahrhundert-Sprung (Teil I)

Von Raimund Vollmer

Voller Hoffnung war man in das neue Jahrtausend gestartet.

I. Von den Institutionen zu Individuen

Das Jahr 2000 liegt weit hinter uns. Es sollte das Jahr werden, in dem der Cyberspace bereits von einer Milliarde Menschen bevölkert werden würde. So hatte es Nicolas Negroponte, Wissenschaftler am Massachusetts Institute, 1995 uns allen versprochen.[1] Doch das Ziel wurde um etwa 600 bis 700 Millionen verfehlt. Das Ergebnis: der Tod von Hunderten von Dot.coms.Wer überlebte, musste oftmals einen Verlust seines Börsenwertes um bis zu 90 Prozent hinnehmen.[2]

Selbst Amazon.com, der 1994 in einer Garage gestartete Superstar am Internet-Firmament, verlor mächtig an Leuchtkraft. Mit einer Notierung von 17 Dollar war der E-Tailer im Januar 2001 meilenweit von seinem Höchststand im Dezember 1999 entfernt. Damals lag die Aktie bei stolzen 113 Dollar. Nun liegt sie 80 Prozent darunter. Der Grund: der elektronischen Händler war im vierten Quartal 2000 nur um 44 Prozent gewachsen, und für das laufende Jahr wird gerade einmal ein Plus von 20 bis 30 Prozent auf etwa 3,4 Milliarden Dollar erwartet. Die Folge: Amazon musste nun 1300 Mitarbeiter oder 15 Prozent seiner Belegschaft entlassen.[3]

Damit reihte sich die Company ein in die Phalanx von dot.coms, die im Jahr 2000 ihre Gehaltsliste kräftig ausdünnten. Im Internet-Markt der USA verloren nach Einschätzung von Zona Research 43.000 Menschen ihren Arbeitsplatz.[4] »Die Neue Wirtschaft kann tiefer und härter fallen als die Alte Wirtschaft«, behauptete Michael J. Mandel, Wirtschaftsredakteur bei Business Week, in seinem Buch »The Coming Internet-Depression«.[5]

Es war Bush-Zeit in den USA. Wieder einmal.

Mit einer Rezession hatte Vater George Bush im Januar 1993 seine vierjährige Amtszeit im Weißen Haus beendet.

Mit einer Rezession startete nun Sohn George W. Bush seine Präsidentschaft.

Dazwischen lag die achtjährige Boomzeit des Demokraten Bill Clinton. Mit einem Wirtschaftswachstum von fünf Prozent schloss er sein letztes Amtsjahr. Doch nun herrschte nur noch Katerstimmung im Cyberspace: Würde er überhaupt jemals die Grenze von einer Milliarde Netizens erreichen?

So schwierig konnte dies nicht sein. Denn es würde nur Speicherplatz im Wert von 8.000 Dollar kosten, wollte man allen sechs Milliarden Erdenbürgern eine Webadresse geben. Dies hatte jedenfalls John Cage, Forschungschef bei Sun Microsystems ermittelt.[6] Nicht viel Geld: Doch um die ganze Infrastruktur aufzubauen, um alle Menschen im Global Village zu vereinen, wären Tausende von Milliarden Dollar fällig. Schon jetzt würde alljährlich rund eine Billion Dollar in Informationstechnologien weltweit investiert. Ein Betrag, der sich in den nächsten Jahren noch verdoppeln werde. So die Prognosen, die sich übrigens bestätigten. Dann - in der zweiten Hälfte dieses ersten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend - würden auch eine Milliarde Menschen im Internet vereint sein.

Ist damit erst einmal die Luft raus aus der Internet-Blase? Eindeutig ja. Doch damit ist die Neue Wirtschaft, die oftmals mit dem Internet gleichgesetzt wird, noch lange nicht tot. Vielmehr hat sie nun die Chance, sich auf die Zielgruppe zu konzentrieren, für die sie eigentlich konzipiert wurde: für die Macht der Individuen und nicht der Institutionen. Die Massenorganisationen waren die Träger des 20. Jahrhunderts, sie schufen die Arbeitsplätze und steuerten die Innovationen. Das neue Jahrhundert aber organisierte sich rund um das Individuum, das sich seinen Arbeitsplatz selbst schafft und seine eigenen Ideen ins Spiel bringen soll. Das Abenteuer Mensch hatte begonnen. Und es würde uns zu völlig neuen Formen des Wohlstandes führen.

In den nächsten 25 Jahren erwartet uns »ein Boom, wie wir ihn in dieser Größenordnung noch nie erlebt haben«, meint der amerikanische Zukunftsforscher Peter Schwartz, dessen Global Business Network 100 der prominentesten Unternehmen zu seinen Kunden zählt.[7]

· Noch Mitte der achtziger Jahr lebten gerade einmal eine Milliarde Menschen in freien Marktwirtschaften.

· Zehn Jahre später waren es drei Milliarden.[8]

Inzwischen konnte sich keine Region mehr auf unserem Erdball der Marktwirtschaft entziehen. Sie war rund um die Uhr, an 365 Tagen geöffnet. Im Jahr 2020 – so eine Studie der Weltbank – würden neun der 15 größten Volkswirtschaften auf der Welt aus der heutigen Dritten Welt kommen. Dazu gehörten China, Indien und Indonesien. Fragte man nach dem Hintergrund für diese beispiellose Umwälzung, dann wurde das Internet als die treibende und alles verändernde Kraft identifiziert. Denn es stünde für die Globalisierung der freien Wirtschaft und die Individualisierung des Wissens. In diesem Spannungsfeld würden sich die Institutionen von einer alles beherrschenden Macht zu einer dienenden Mittlerfunktion reduzieren. Und das sei ein organisatorischer Wandel, wie ihn die Menschheit nur alle fünfhundert Jahre einleite. Zuletzt vollzog sich dies mit dem Entstehen der Gutenberg-Galaxis, das in der Industriellen Revolution seinen Höhepunkt erlebte. Jetzt sei es der Aufbau des Cyberspace, der die Revolution des Individuums auslösen werde.

Quellen

[1] Time, 23.3.1998, Nathaniel Wice: »A view through the looking glass«

[2] The Economist, 27.1.2001, Richard Cookson: »The party´s over – A survey of corporate finance«

[3] Business Week,, 12.2.2001, Robert D. Hof: »Amazon´s Go-Go-Grwoth? Gone«

[4] Computerworld, 22.1.2001: »Briefs«

[5] Wall Street Journal, 27.12.2000, L. Gordon Corvitz: »Dot-Com Fatalism«, danach zitiert

[6] Time, 14.2.2000, Jennifer L. Schenker: »Plant to dotcom the world«

[7] The Economist, 22.8.2000: »A perfect day«

[8] Time, 13.3.1995, Reginald Dale: »Toward the millennium – Global agenda«

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