Samstag, 13. Oktober 2012

Der Kampf der Jahrtausende (Teil 14)



»Der Ursprung von Raum und Zeit bleibt ein Rätsel.«
Hartmann Römer, Physiker, Universität Freiburg[1]

14. Die neue Elite

Die erfolgreichsten Orte im Cyberspace sind die, die sich zu selbststeuernden Communities entwickelt haben. Dafür steht zum Beispiel die Geschichte von Ebay, diesem virtuellen, übrigens stets profitablen Flohmarkt im Internet, in dem sich Sammler aus aller Welt mit den ausgefallensten Hobbys treffen. Ebay hat dabei nichts anderes getan, als sich von Anfang an um den Kunden herum zu organisieren. Jeder Mensch ist hier ein Markt. Bei Second Life mit seinen fünf Millionen virtuellen Einwohnern geht dieser Ansatz sogar noch weiter: Jeder Mensch ist hier eine ganze Weltgeschichte. Und mit diesem emotionalen Ansatz – vielleicht sogar allein damit – band diese Website die Phantasie der Menschen an sich. So formierte sich im Netz die Neue Gesellschaft, eine Gesellschaft, in der die Wünsche genau so profan sind wie in der sogenannten wirklichen Welt. Mit einem Unterschied: Diese Wünsche sind leichter erfüllbar. Von diesem Easy-Going versucht wiederum die Werbewirtschaft zu profitieren, die heute mit ihren Anzeigen das WWW finanziert und zu Konsum in der weitaus härteren, realen Welt animieren möchte.
Aber die neue Leichtigkeit des Seins ist letztlich das Alleinstellungsmerkmal des Internets und seiner Welten. Leichtigkeit – das war das Prinzip, nach dem zum Beispiel Napster funktionierte. Bei dieser legendären Musikbörse trafen sich auf dem Höhepunkt ihrer Web-Präsenz 70 Millionen Menschen aus der ganzen Welt, Menschen, die ihr Lebensgefühl durch ihre Musik definierten. Jeder konnte hier seine Musik ganz individuell auf sich allein zuschneiden. Und er konnte sie mit anderen teilen. Die Musikverlage stöhnten. Sie klagten. Und sie gewannen. Gegen Napster. Aber auch gegen ihre Kunden, gegen die Neue Gesellschaft. Letztlich sogar gegen sich selbst.
Denn die Medienschaffenden sind mehr denn je darauf angewiesen, dass der Cyberspace wächst, immer mehr Menschen sich dort versammeln und mit ihren Clicks das Geschäft ankurbeln. »Als Napster seine Dienste einstellen musste, verschwand auch die Nachfrage nach Breitbandverkabelung«, erklärte Anfang 2002 Robert Murdoch, Gründer des Medien-Imperiums News Corp.
Natürlich stehen wir erst am Anfang. Im Land der Zukunft, wie der Cyberspace nicht ohne Pathos genannt wird, ist jeder Mensch eine Ortsmarke. Er ist seine Zukunft. Er ist eine Zukunft, die er selbst gewählt hat und mit anderen teilen möchte. Er zeichnet seine eigene Landkarten. Sie bestehen aus lauter Verbindungslinien zu anderen. Es sind dies die Links. Ja, seine Zukunft teilt er nicht nur mit anderen, sondern er kann die Zukunft sogar spalten, in dem er sich selbst teilt, in viele Individuen. Im Netz kann er die Gestalt annehmen, die er gerne sein möchte. Und er kann sie wechseln, wann und so oft er will. Das stellt hohe Ansprüche – so hoch, dass sie nach Meinung der Soziologen nur von einer Elite wahrgenommen werden können. Doch Facebook eröffnete einer Milliarde Menschen auf der Welt die Perspektive, Elite zu sein - eine Massenelite.
Die industrielle Revolution spaltete die Zeit des Menschen in Arbeitszeit und Freizeit, wies ihm unterschiedlichen Rollen zu wie die des Arbeitnehmers oder des Konsumenten. Er musste mitunter als Arbeitnehmer Dinge tun, die er als Konsument ablehnte.
Der Preis war die Vermassung, der Verlust der eigenen Identität. Die Zusammenführung der unterschiedlichen Rollen zu einer eigenen, selbstbestimmten Identität war allein das Privileg der Oberschicht. Mit dem Cyberspace drehen sich die Verhältnisse genau um. Das Streben nach Selbstverwirklichung ist ein Merkmal der unteren Schichten. Ihre Mitglieder verweigern sich dem, was nicht mit ihrem Ich vereinbar ist. Sie sehen sich ganzheitlich.
Die neue Elite hingegen hat keine Probleme damit, mehrere Ichs zuzulassen, auch wenn sie sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Als Aktionär fordert dieser Typus völlige Transparenz von einem Unternehmen. Als Manager oder Experte würde er am liebsten alles tun, um diese Transparenz zu unterbinden. Als Konsument verlangt er maximale Leistung, als Anbieter maximalen Preis. Er verhält sich stets professionell, effizient – entsprechend dem jeweiligen Rollenethos.
Der Cyberspace favorisiert den Typus der Neuen Elite, sowie die Gutenberg-Galaxis eher der alten Elite diente. In ihr ging es um eine einzige, gemeinsame Zukunft, die von großen Institutionen widerspruchsfrei gesteuert werden sollte. Der Cyberspace hingegen lässt viele Zukünfte zu – und übernimmt damit die Herrschaft. Diese jedoch besteht aus lauter Widersprüchen. Deren Auflösung ist einfach nicht effizient, bindet zuviel Kraft und verhindert Dynamik.
Mit dem Cyberspace entsteht nun eine neue, sekundäre Wirklichkeit, die in zunehmenden Maße die träge, weil physische, die primäre Wirklichkeit beobachtet und steuert – wie die Wetter- und Navigations-Satelliten. Alles ist effizient. Wer diesem Prinzip nicht huldigt oder sich ihm widersetzt, wird ausgemustert. Er ist von gestern. Er wird abgeschaltet.
»Die nächste Gesellschaft wird eine Wissensgesellschaft sein«, sagte einst der Granddaddy der Management-Beratung Peter F. Drucker. Der Wis­sens­arbeiter des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich vom Industriearbeiter des 20. Jahrhunderts dadurch, dass er nicht mehr angewiesen ist auf große Unternehmen und große Organisationen. Das gilt für die Schaffung von Arbeitsplätzen in Staat und Wirtschaft, für die Geldversorgung, für das Gesundheitswesen, für den Bildungssektor, für die Altersversorgung, für alle Institutionen, die uns im Laufe des vergangenen Jahrhunderts zu groß geraten sind. Zu groß, um die Aufgaben noch effizient und effektiv erfüllen zu können, für die sie einmal geschaffen wurden. Vor allem in einem Punkt versagen diese Institutionen mit ziemlicher Regelmäßigkeit: In der Nutzung des Wissens.
Die Pisa-Studien belegen dies ebenso wie die Vermittlungsergebnisse der Arbeitsämter. Alle großen, bahnbrechenden Erfindungen wurden von Individuen erbracht – und je weniger Geld sie hat­ten, desto innovativer waren sie. Selbst der brutale Sturz der Dot.coms im Jahr 2001 ist ein Beispiel dafür. Die Kreativität und Dynamik der frühen Jahre war in dem Augenblick zu Ende, als zu viel und zu großes Geld floss – vor allem von Seiten der institutionellen Anleger.
»Herkunft ist Zukunft« - im Namen dieses Paradigmas entstanden im 20. Jahrhundert die großen Institutionen. Sie versuchten dagegen regulierend einzugreifen. Lange Zeit – bis in die achtziger Jahre hinein – schien ihnen diese schwere Aufgabe auch zu gelingen. Sie gaben der Herkunft eine Zukunft.
Doch für den intellektuellen Umschlag, für die Umdrehung dieses Satzes stehen sie nicht. Dazu binden sie einfach zu viel Masse. »Zukunft ist Herkunft« – das ist eine leichte Aufgabe, wie geschaffen für das Individuum, das nun mal seine Suppe(n) selbst auslöffeln möchte.

ENDE

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[1] Universitas, December 1992, Hartmann Rämer: »Atome, Teilchen, Teilbarkeit – Zum Paradox von Ausgedehntheit und Teilbarkeit«

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

»Der Ursprung von Raum und Zeit bleibt ein Rätsel.«

Gott?

Anonym hat gesagt…

Das ich das noch erleben darf:

Raimund und die Schaffung, die Nutzung und noch viel mehr ungs in einem Artikel :-)

Es war wohl schon seeeeehhhhr spät.

Nur mit der Selbstauslöffelung hat uns der Autor am Ende dann doch noch verschont :-)

Raimund Vollmer hat gesagt…

Und noch sehr früh für den Leser... ;-)